Chapter Text
Einleitung – Teil 1: Die Schatten der Straße
In der makellosen Idylle des Ligusterwegs, wo die Hecken millimetergenau gestutzt waren und das Schweigen der Nachbarn schwer auf den Gehwegen lastete, existierte ein Geheimnis, das man in einen Schrank unter der Treppe gesperrt hatte.
Harry Potter war zehn Jahre alt, doch seine Hände erzählten eine andere Geschichte. Sie waren rau von der Gartenarbeit, vernarbt von den heißen Fettspritzern am Herd und schmutzig vom täglichen Schrubben der Böden. Seit er denken konnte, war Harry nicht mehr als ein unbezahlter Diener für die Dursleys. Er war derjenige, der den Speck wendete, während sein Cousin Dudley gierig zusah, und derjenige, der am Ende nur die vertrockneten Reste vom Teller kratzen durfte – sofern Onkel Vernon ihm zur Strafe nicht ohnehin das Essen ganz entzog.
In diesem Haus hatte Harry keinen Namen. Er war der „Junge" oder der „Freak". Onkel Vernon vertrat die feste Ansicht, dass ein Kind wie er keinen Namen verdient hatte, und Tante Petunia sah ihn mit einer Mischung aus Abscheu und Angst an, besonders wenn wieder einmal etwas „Verrücktes" in seiner Nähe geschah. Wenn Harry seine Arbeit nicht schnell genug erledigte oder wenn unerklärliche Dinge passierten, spürte er die harte Hand seines Onkels oder fand sich für Tage in der schwülen, spinnenverseuchten Dunkelheit seines Schranks wieder.
In der Schule setzte sich sein Kampf ums Überleben fort. Dudley, der wie ein junger Walrossbulle über den Schulhof walzte, hatte Harry zum Freiwild erklärt. „Harry-Jagen" war der Sport seiner Clique. Harry war isoliert; jeder Mitschüler, der auch nur den Hauch von Mitleid zeigte, wurde von Dudley bedroht, bis er sich abwandte. Sogar sein eigener Verstand wurde gegen ihn verwendet. Harry hatte früh begriffen, dass Intelligenz eine Gefahr darstellte. Brachte er bessere Noten nach Hause als der plumpe Dudley, wurde er bestraft, weil er es gewagt hatte, das „Goldkind" der Familie bloßzustellen. So lernte Harry, seine Brillanz hinter einer Maske aus Gleichgültigkeit zu verbergen.
Doch die Dursleys machten einen entscheidenden Fehler: Sie hielten Unterdrückung für Erziehung. Sie merkten nicht, wie in Harry ein Feuer aus purer Rebellion entfachte. Er war kein stilles Opfer mehr. Wenn Dudley ihn schlug, schlug Harry mit Worten zurück, die wie Giftpfeile saßen. Er provozierte seinen Cousin, machte sich über dessen grenzenlose Gier und sein Gewicht lustig und genoss das ohnmächtige Toben des Jungen, der alles besaß und doch nichts kontrollieren konnte.
Seine wahre Freiheit aber fand Harry erst, wenn der Mond über Surrey aufging. Während die Dursleys in ihren weichen Betten schliefen, wurde Harry zum Schatten. Er meisterte das Kunststück, aus dem Haus zu schlüpfen, ohne dass eine einzige Diele knarrte. In den zwielichtigen Ecken der Stadt suchte er sich eine neue Art von Gesellschaft – ältere Jugendliche, Ausgestoßene wie er, die keine Fragen nach Narben oder Herkunft stellten.
Sie lehrten ihn die Regeln der Straße. Wegen seiner kleinen, zierlichen Statur wurde Harry ihr wertvollster Aktivposten. Wenn sie nachts durch die Straßen zogen und der Hunger nach Nikotin oder Alkohol groß war, war es Harry, der wie eine Katze durch die schmalen Oberlichter der Kioske schlüpfte. In der Stille der dunklen Läden, umgeben vom Geruch von Tabak und billigem Parfüm, fühlte er sich zum ersten Mal mächtig. Er war kein Freak mehr; er war ein Dieb, ein Schatten, ein Überlebenskünstler, der sich nahm, was ihm die Welt verweigerte.
So vergingen die Monate in einem Rhythmus aus häuslicher Qual und nächtlicher Kriminalität, zwei gefährliche Seiten eines Lebens, das kurz vor dem Zerreißen stand …
… bis zu jenem Tag.
Es war der 26. Juni, ein trostloser, verregneter Tag. Die Dursleys waren im Haus gefangen, was die Stimmung im Ligusterweg 4 giftiger als sonst machte. Harry war gerade dabei, das Obergeschoss zu saugen, als er Dudleys Zimmer erreichte. Sein Cousin saß wie ein fleischiger Berg auf dem Boden und spielte mit seinen Actionfiguren.
„Nimm deinen fetten Arsch hoch, ich muss hier durch", stieß Harry hervor. Er war es leid, ständig um den Jungen herumzuarbeiten, der alles bekam, was er wollte.
Dudley erstarrte. „Nenn mich noch einmal fett!", zischte er, sprang mit einer überraschenden Geschwindigkeit auf und ging direkt auf Harry los. Doch Harry war flink. Er wich dem ersten Schlag aus und stürzte sich auf seinen Cousin. Ein wildes Handgemenge entbrannte auf dem Teppich, bis Dudleys Masse den Sieg davontrug. Er warf sich auf Harry, drückte ihn mit seinem vollen Gewicht zu Boden und saß triumphierend auf seinem Bauch.
Harry wand sich verzweifelt unter ihm, die Luft wurde knapp. „Geh runter von mir, du Walross!", schrie er und tobte vor Wut. Als Antwort holte Dudley aus und traf Harry hart im Gesicht. In diesem Moment explodierte etwas in Harry. Es war kein körperlicher Schmerz, sondern eine Hitzewelle, die von seiner Brust ausging.
Plötzlich flog Dudley nach hinten, als hätte ihn eine unsichtbare Faust erwischt. Er segelte durch die Luft, prallte hart gegen die Wand über seinem Bett und blieb jammernd liegen. Sofort erfüllte sein gellendes Gebrüll das Haus.
Wenig später stampfte Onkel Vernon die Treppe herauf, das Gesicht purpurrot angelaufen. Er sah seinen „armen" Dudley winselnd auf dem Bett liegen und starrte dann mit hasserfüllten Augen auf Harry. Dudley zögerte keine Sekunde und tischte eine völlig verdrehte Version der Geschichte auf, in der Harry ihn grundlos angegriffen hatte.
Sobald Dudley geendet hatte, packte Vernon Harry am Kragen. „Er lügt! Er ist ein verdammter Lügner!", schrie Harry gegen den Griff seines Onkels an, doch er wusste bereits, was folgen würde. Er sah das gehässige Grinsen auf Dudleys Gesicht, während Vernon ihn grob über die Bettkante legte.
Vernon riss sich den Gürtel aus den Schlaufen und drosch auf Harry ein. Jeder Schlag wurde von wüsten Beschimpfungen begleitet: „Du wolltest meinen Dudley töten! Ich treibe dir dieses verrückte Verhalten ein für alle Mal aus!"
Harry weinte und bettelte, bis Onkel Vernon schließlich von ihm abließ. Mit schmerzendem Körper wurde er die Treppe hinuntergeschleift und in die Dunkelheit seines Schranks gestoßen. „Du bleibst hier drin, bis ich entscheide, dass du wieder Tageslicht verdient hast!", brüllte Vernon. Harry hörte das vertraute, endgültige Klicken der Schlösser von außen.
In der staubigen Enge seiner Kammer zitterte Harry am ganzen Körper. Ihm tat alles weh; besonders sein Rücken brannte bei jeder kleinsten Bewegung wie Feuer, doch in seinem Kopf brannte ein kalter Entschluss: Es konnte so nicht weitergehen. Er würde abhauen, sobald die Dursleys schliefen.
Stunden vergingen. Harry lauschte auf jedes Geräusch, bis er endlich Vernons schwere Schritte auf der Treppe hörte, die nach oben gingen. Er wartete noch ein oder zwei Stunden – in der Dunkelheit verlor Zeit ihre Bedeutung –, bis er sich ganz auf die Tür konzentrierte. Er wusste nicht wie, aber er hatte es schon oft geschafft: Wenn er sich nur fest genug vorstellte, dass die Schlösser nachgaben, passierte es.
Mit einem leisen Klick sprangen die Riegel auf. Die Tür schwang mit einem hauchzarten Knarren auf. Harry schlich hinaus. Er mied den Flur zur Haustür, da er wusste, dass die Dielen dort bei jedem Schritt verrieten, wo man stand. Stattdessen glitt er ins Wohnzimmer, öffnete lautlos die Terrassentür und spürte den kühlen Regen auf seiner Haut. Er biss die Zähne zusammen, als er mit brennendem Rücken über den Gartenzaun kletterte, und ließ den Ligusterweg hinter sich.
Er rannte, bis er den geheimen Treffpunkt seiner nächtlichen Clique erreichte. Der Älteste der Gruppe, ein Junge mit harten Augen, sah ihn an und musterte Harrys verweintes Gesicht. „Na, war es heute wieder so weit?", fragte er ruhig.
Harry nickte nur kurz und versuchte, seine verkrampfte Haltung zu verbergen. „Ich gehe nie wieder zurück, der Alte ist voll ausgetickt", sagte er mit einer Bestimmtheit, die er selbst noch nie an sich gespürt hatte. Der Ältere nickte langsam und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Harry zuckte unwillkürlich zusammen, als der Druck den Schmerz in seinem Rücken aktivierte. „Dann bleib bei uns. Hier stellt niemand Fragen."
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Zur gleichen Zeit, hoch oben in den schroffen Türmen von Hogwarts, saß Albus Dumbledore an seinem Schreibtisch. Das sanfte Licht der Kerzen tanzte auf einem Pergament, das er gerade mit zitternden Fingern entsiegelt hatte.
Sehr geehrter Mr. Dumbledore,
hiermit setzen wir Sie darüber in Kenntnis, dass die Überwachungszauber des Ministeriums für den Bereich Surrey eine signifikante Störung gemeldet haben. Unsere Berichte bestätigen, dass Mr. Harry Potter am heutigen Tage seinen rechtmäßigen Wohnsitz bei seinen Muggel-Verwandten verlassen hat. Sein aktueller Aufenthaltsort ist unbekannt.
Da Sie die Verantwortung für die Unterbringung des Jungen übernommen haben, fordern wir eine umgehende Stellungnahme. Zudem weisen wir darauf hin, dass jegliche unkontrollierte Magieanwendung seitens des Minderjährigen einen Verstoß gegen das Statut zur Geheimhaltung nach sich ziehen könnte.
Wir erwarten Ihre Kooperation bei der Sicherstellung des Jungen.
Hochachtungsvoll,
Mafalda Hopkirk Abteilung für den Missbrauch von Magie
Dumbledore legte den Brief langsam beiseite. Seine blauen Augen hinter den Brillengläsern wirkten plötzlich müde, doch sein Geist arbeitete schnell. Der Junge musste in Sicherheit gebracht werden – sofort. Er trat zum Kamin, warf eine Handvoll Flohpulver in die Flammen und rief nach Severus Snape.
Nur wenige Minuten später trat Snape aus den grünen Flammen in das Büro des Schulleiters. Er wirkte sichtlich beherrscht, doch sein Zorn war spürbar. „Albus, ich hoffe, dass dieser nächtliche Ruf von äußerster Wichtigkeit ist", zischte er. „Ich war dabei, einen höchst komplexen Trank zu vollenden. Er ist nun ruiniert."
„Es tut mir aufrichtig leid, es ist wichtiger als ein Zaubertrank, Severus", entgegnete Dumbledore ruhig, „es geht um Harry Potter."
Snape hielt inne. Sein Gesicht verzog sich zu einer Maske aus Abscheu und tiefer Irritation. „Potter?", wiederholte er spöttisch. „Der Junge ist noch nicht einmal in Hogwarts, Albus. Was habe ich mit dem Balg zu tun? Er wird zweifellos bei diesen Muggeln nach Strich und Faden verwöhnt worden sein – was hat der Bengel also angestellt, das einen Tränkemeister mitten in der Nacht erfordert?"
„Er ist verschwunden, Severus", unterbrach Dumbledore ihn ernst. „Er hat das Haus der Dursleys verlassen, und es gibt Anzeichen für den unkontrollierten Einsatz von Magie. Ich brauche dich vor Ort. Du bist der Einzige, dem ich zutraue, die Situation diskret und effizient zu klären."
Snape wollte protestieren, eine scharfe Erwiderung lag ihm bereits auf den Lippen, doch Dumbledores Blick war unnachgiebig. In diesem Moment sah Snape nicht den Schulleiter vor sich, sondern einen Mann, der Angst um Harrys Leben hatte. Mit einem mürrischen Nicken und einem wehenden schwarzen Umhang wandte Snape sich ab und verschwand mit einem harten Plopp in der Dunkelheit.
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Wenig später stand eine hochgewachsene, schwarz gekleidete Gestalt vor der Tür von Ligusterweg Nummer 4. Snape klopfte – erst höflich, dann mit einer Vehemenz, die die Stille der Vorstadt zerriss. Drinnen ging Licht an. Vernon Dursley riss die Tür auf, ein Fluch auf den Lippen, der ihm jedoch im Hals stecken blieb, als er in Snapes kalte, schwarze Augen blickte.
„Was wollen Sie zu dieser unchristlichen Zeit?", presste Vernon hervor, während ihm der Schweiß auf die Stirn trat. „Mein Name ist Professor Snape. Ich unterrichte in Hogwarts", antwortete dieser mit gefährlich leiser Stimme. „Ich bin hier, um Mr. Potter zu sprechen."
Vernons Blick huschte instinktiv zum Schrank unter der Treppe. Sein Gesicht wurde fahl, als er bemerkte, dass die Tür einen Spalt offenstand. „Kommen Sie rein und warten Sie hier", stammelte er und trat hastig zum Schrank. Er schlug die Tür zu und murmelte etwas davon, dass sie sich „oft von selbst öffnete". Dann eilte er die Treppe hinauf, um Zeit zu schinden.
Snape wartete jedoch nicht im Flur. Als Vernon wenige Minuten später wieder herunterkam, bereit, die Lüge aufzutischen, dass Harry friedlich schlafe, fand er den Flur leer vor. Er ging ins Wohnzimmer. Snape stand an der weit geöffneten Terrassentür, den Rücken zu Vernon gewandt.
„Schlafen Sie immer bei offener Terrassentür, Mr. Dursley?", fragte Snape, ohne sich umzudrehen. Vernons Fassade bröckelte. Die Angst schlug in Wut um. „Da ist der Freak also abgehauen, na warte!", entfuhr es ihm halb laut, halb flüsternd.
Snape wirbelte herum. „Was haben Sie gesagt?" „Der Junge ist rebellisch und nicht zu zügeln!", rief Vernon nun lauter. „Er hat heute meinen Sohn angegriffen! Ich habe ihn deswegen diszipliniert, wie es sich gehört, und der Bengel hat sich wohl mitten in der Nacht davongeschlichen. Ich habe keine Ahnung, wo er ist!"
Snape betrachtete den zitternden Muggel einen Moment lang mit einer Mischung aus Abscheu und tiefer Verachtung. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte er sich auf dem Absatz um und verließ das Haus. „Dieser dämliche Potter-Balg", murmelte er in den Regen hinein, während er die Umgebung nach einer Spur absuchte.
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Snape kehrte unmittelbar nach Hogwarts zurück, um Dumbledore Bericht zu erstatten. Im Büro des Schulleiters herrschte eine angespannte Stille. „Der Junge ist nicht dort", sagte Snape ohne Umschweife. „Und Vernon Dursley hat nicht die geringste Ahnung, wo sein Neffe steckt. Oder es ist ihm schlichtweg gleichgültig."
Dumbledore faltete die Hände. „Du musst ihn suchen, Severus. Das Ministerium ist bereits involviert. Ich habe ihnen mitgeteilt, dass wir die Sache intern regeln, aber die Zeit drängt."
„Ich soll ihn suchen?", zischte Snape. Die Verachtung in seiner Stimme ließ die Flammen im Kamin kurz auflodern. „Diesen arroganten, unverschämten… selbstherrlichen Abklatsch seines Vaters? Nach der unvermeidlichen Katastrophe suchen, die er gerade anrichtet? Ich habe Wichtigeres zu tun, als mich um das Wohlbefinden eines Jungen zu kümmern, der nichts anderes verdient hat, als für seine Dummheit bestraft zu werden."
„Genau deswegen, Severus!", entgegnete Dumbledore mit ungewohnter Schärfe, die seine Stimme hart, wie Eis klingen ließ. „Was du Dummheit nennst, kann ihn umbringen. Er ist verwundbar! Und er ist der Schlüssel zu allem. Er muss sofort in Sicherheit! Wer soll ihn sonst zurückholen, wenn nicht du? Ich flehe dich nicht als Schulleiter an, sondern als jemand, der weiß, dass wir uns keine Fehler mehr erlauben können. Dieser Junge braucht jetzt jeden Schutz, den er kriegen kann – auch wenn du es ihm nur ungern gibst."
Ein langes, eisiges Schweigen hing über dem Büro. Snape starrte Dumbledore an, seine Lippen ein dünner Strich, sein gesamter Körper spannte sich vor innerem Widerstand an. Endlich, mit einem knappen, bitteren Nicken, sagte er: „Ich werde ihn finden, Albus. Ich tue, was nötig ist." Er verschränkte die Arme. „Und wenn ich ihn finde? Was dann?" „Bring ihn zurück zu den Dursleys. Wir werden dort ein gemeinsames Gespräch mit ihm führen", entschied Dumbledore.
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Snape machte sich auf den Weg. Er streifte die restliche Nacht durch die dunklen, regennassen Straßen von Surrey. Der unaufhörliche Schauer peitschte gegen die Häuserfassaden, während sein schwarzer Umhang wie die Schwingen eines Raubvogels hinter ihm her wehte. Das Wasser sammelte sich in den Rinnen und spiegelte das fahle Licht der Straßenlaternen wider, doch Snape achtete nicht auf die Kälte. Sein Blick glitt unerbittlich durch jede Gasse und jeden Schatten, auf der Jagd nach einer Spur des Jungen. Schließlich, im fahlen Licht der Morgendämmerung, entdeckte er Potter in einem heruntergekommenen Park auf einem Spielplatz, umringt von älteren Jugendlichen.
Snape ging schnurstracks auf die Gruppe zu. Seine Stiefel klatschten bei jedem Schritt laut in den Matsch, und das Wasser tropfte von seinem Haar auf den hohen Kragen seines Gewandes. Ohne ein Wort zu sagen, legte er Harry eine Hand auf die Schulter – sein Griff war hart und unnachgiebig wie eine Eisenklammer.
Harry erschrak heftig und blickte zu Snape hoch. In demselben Moment, in dem er die Berührung spürte, zuckte er stark zusammen. Er zog instinktiv den Kopf ein und machte sich klein, als würde er jeden Moment einen Schlag erwarten, der ihn für sein Verschwinden strafen würde. Jede Faser seines Rückens spannte sich schmerzhaft an.
Er sah direkt in ein Gesicht, das vor unterdrückter Wut bebte. Snapes Lippen waren fast weiß vor Zorn, und seine Augen funkelten gefährlich. Die Tatsache, dass er die gesamte Nacht im strömenden Regen verbracht hatte, nur um Potter in einer schmutzigen Parkecke aufzuspüren, hatte seine ohnehin geringe Geduld endgültig aufgezehrt. Doch als er bemerkte, wie der Junge unter seinem Griff förmlich vor ihm einknickte, schien Snapes Zorn für einen Wimpernschlag einer eisigen, berechnenden Stille zu weichen. Der Zorn kam aber schnell zurück, als er Harrys Stimme hörte.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?", stieß Harry hervor, während er versuchte, sich aus dem Griff zu winden, was einen stechenden Schmerz durch seine Wirbelsäule jagte.
„Professor Snape", antwortete dieser mit einer Stimme, die so schneidend war wie der kalte Wind. Er würdigte Harry keines Blickes, sondern starrte hasserfüllt auf dessen durchnässte Jacke. „Ich habe nicht die Absicht, auch nur eine weitere Sekunde meiner Zeit in diesem gottverlassenen Regen mit dir zu vergeuden. Ich bringe dich zurück zu den Dursleys – und wehe dir, du wagst es, auch nur einen Schritt vom Weg abzuweichen."
Harrys Augen verengten sich. „Das können Sie sich abschmieren. Da gehe ich nicht mehr hin!" „Keine Widerrede!", zischte Snape und packte Harry hart am Arm, um ihn mitzuziehen. Der plötzliche Ruck am Arm dehnte die Verletzungen an Harrys Rücken erneut auf. Einer von Harrys Freunden trat vor und baute sich vor Snape auf. „Lass ihn sofort los, Alter, sonst…!" „Sonst was?", fragte Snape mit einer Stimme, die kälter als das Grab war. Er setzte seine bedrohlichste Miene auf. Der Junge wich eingeschüchtert zurück, und Snape zog den widerstrebenden Harry hinter sich her.
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Es war mittlerweile neun Uhr morgens, als sie den Ligusterweg erreichten. Vernon öffnete die Tür und starrte fassungslos auf Snape und den schmutzigen Harry. Snape stieß Harry ohne viel Federlesens ins Haus, führte ihn ins Wohnzimmer und schubste ihn leicht auf die Couch. Harry unterdrückte ein scharfes Einatmen, als er auf dem Polster landete. „Rühr dich nicht vom Fleck", befahl Snape. „Ich hole den Schulleiter. Wir werden das jetzt klären."
Bevor er sich den Dursleys zuwandte, blieb Snapes Blick noch einen Moment an der kleinen, zusammengesunkenen Gestalt auf dem Sofa hängen. Er sah, wie Harry kerzengerade auf der vordersten Kante saß, ohne sich anzulehnen, die Hände tief in den Taschen seiner nassen Jacke vergraben und krampfhaft versuchte, nicht zu zittern. Ein seltsames, ungutes Gefühl regte sich in Snapes Magen – eine leise Ahnung, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Die Art, wie der Junge den Blick starr auf den Boden richtete und sich weigerte, auch nur einen Millimeter Raum einzunehmen, passte nicht zu dem arroganten Bild, das er sich von Potter gemacht hatte.
Er schob den Gedanken jedoch sofort mit einer unwirschen Kopfbewegung beiseite. Der Junge hatte zweifellos einfach nur Angst, weil sein kleiner Ausflug gescheitert war. Er ging davon aus, dass Harry genau wusste, dass er die Konsequenzen für sein Verschwinden später von seinen Verwandten zu spüren bekommen würde – und in Snapes Augen war das nur gerechtfertigt.
Snape informierte die Dursleys kurz über das kommende Gespräch und disapparierte sofort zu Dumbledore.
Harry saß auf der Couch, sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, während die Striemen an seinem Rücken unter dem nassen Hemd unerträglich pochten. Dudley kam ins Zimmer geschlendert, ein fieses Grinsen im Gesicht. „Du kannst gleich was erleben, wenn der Schmierlappen weg ist", flüsterte er hämisch.
Harry sah ihn nicht einmal an. „Halt die Fresse, Dudley", erwiderte er mit einer kalten, zitternden Stimme, die er selbst kaum wiedererkannte.
Erschrocken über Harrys Gegenwehr schnaubte Dudley empört auf, doch Harrys Aufmerksamkeit galt bereits Onkel Vernon. Dieser hatte die Worte mitbekommen. Er stand im Türrahmen, das Gesicht dunkelrot angelaufen, und starrte Harry mit einem so unverhohlenen Hass an, dass Harry das Blut in den Adern fror. In Harrys Kopf machte es Klick. Die Falle schnappte zu, und er war nicht gewillt, hier zu bleiben.
In einer Kurzschlussreaktion sprang er auf, riss trotz des reißenden Schmerzes im Oberkörper die Terrassentür auf und sprintete los. Bevor Vernon auch nur fluchen konnte, war Harry bereits über den Zaun gesprungen und im Labyrinth der Nachbargärten verschwunden.
Als Snape und Dumbledore wenig später das Wohnzimmer betraten, fanden sie nur die Dursleys vor. Die Couch war leer. „Wo ist der Junge?", fragte Snape energisch. „Er hatte keine Lust zu warten", gab Vernon gehässig zurück. „Er ist wieder abgehauen."
Snapes Gesicht wurde dunkelrot vor Zorn. Er wandte sich zu Dumbledore. „Albus, wenn ich diesen Bengel in die Finger bekomme, dann…!" „Ruhig, Severus", versuchte Dumbledore ihn zu besänftigen, doch seine eigenen Augen wirkten nun zutiefst besorgt.
Snape verengte die Augen zu Schlitzen und fragte mit gefährlich leiser Stimme nach, wie das passieren konnte. Vernon hob abwehrend die Hände und setzte eine Miene auf, die Unschuld vortäuschen sollte. „Ich hatte keine Chance zu reagieren!", rechtfertigte er sich hastig. „Der Junge ist wie ein Blitz aufgesprungen und war weg, bevor man blinzeln konnte, er gehört in eine Besserungsanstalt."
Tief im Inneren war Vernon jedoch erleichtert. Er wollte den Jungen nicht im Haus haben, erst recht nicht mit diesen unheimlichen Gestalten im Wohnzimmer. „Da Harry nun weg ist, darf ich Sie bitten, mein Haus zu verlassen?", fügte Vernon mit einer Mischung aus Trotz und Angst hinzu.
Snape, ein Meister der Okklumentik und gewohnt, Lügen zu wittern, spürte sofort, dass Vernons Erleichterung eine dunkle Ursache hatte. Er sah das verräterische Zittern in Vernons Händen und den unverhohlenen Hass, der immer noch in seinen Augen schwelte.
Ein eiskalter Schauer des Misstrauens lief Snape über den Rücken. Etwas an der Geschichte des Muggels war faul; die Puzzleteile passten nicht zusammen. Ein Junge, der gerade erst vor Erschöpfung und Kälte in einer Parkecke zusammengebrochen war, sprang nicht einfach wie ein Blitz auf und rannte davon. Snape spürte, dass diese Familie ein dunkles, tiefsitzendes Geheimnis hütete – ein Geheimnis, das weit über bloße Abneigung gegen Magie hinausging. Er sah Vernon an und erkannte nicht nur Erleichterung, sondern eine Art triumphale Grausamkeit, die ihn zutiefst beunruhigte.
Er äußerte seine Zweifel jedoch noch nicht. Er tauschte einen kurzen, bedeutungsvollen Blick mit Dumbledore aus. Der Schulleiter nickte schwerfällig und bat Snape, ihm zu folgen. Gemeinsam verschwanden sie mit einem harten Knall und apparierten zurück in das Büro in Hogwarts.
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Währenddessen rannte Harry durch die nassen Straßen, wobei er den Oberkörper so ruhig wie möglich hielt, um das Reiben des feuchten Hemdes auf seinen Striemen zu mildern. Sein erster Instinkt war der Park, in dem Snape ihn aufgegriffen hatte, doch er hielt inne. Er war auf der Straße aufgewachsen; er wusste, dass man nicht dorthin zurückkehrt, wo man gerade erst geschnappt wurde. Er näherte sich dem Spielplatz nur vorsichtig aus der Deckung einiger Büsche. Er beobachtete alles ganz genau: keine Spur von Snape, keine Dursleys. Nur zwei Mütter, die ihre Kinder im abklingenden Regen spielen ließen.
Harry klapperte systematisch die anderen Treffpunkte ab und fand seine Gruppe schließlich in einer Seitengasse. Die älteren Jugendlichen starrten ihn fassungslos an. „Jo, Bruder, da bist du ja wieder!", rief der Älteste aus. „Alter, wer war das denn eben? Der Typ hat mir echt Angst eingejagt. Wenn das mein Alter gewesen wäre, hätte ich aber auch pariert."
Harry schüttelte das Regenwasser aus seinen Haaren, wobei er bei der ruckartigen Bewegung kurz das Gesicht verzog. „Keine Ahnung. Irgendein Professor, der beauftragt wurde, mich zu meinen Verwandten zurückzubringen." „Ey, wie bist du dem Entkommen?" „Ich sollte auf der Couch warten", erzählte Harry mit einem grimmigen Lächeln. „Dieser Professor wollte irgendeinen Schulleiter holen, damit wir alle gemeinsam reden. Da bin ich durch die Terrassentür abgezischt."
„Joah, Kleiner, das war bestimmt ein Lehrer von St. Brutos", mutmaßte einer der Jungs und spuckte auf den Boden. „Der Schulleiter wollte bestimmt deine Aufnahme besprechen. Junge, sei froh…" „Nenn mich nicht Junge!", unterbrach Harry ihn sofort. Seine Stimme war scharf wie eine Klinge. Der Ältere hob beschwichtigend die Hände. „Entschuldige, Kleiner. Aber sei froh, dass du da weg bist. St. Brutos ist ein Loch. Ich habe gehört, da dürfen die Lehrer die Schüler noch richtig schlagen."
Harrys Kiefer mahlte, während die Erinnerung an Vernons Gürtel schmerzhaft in seinem Rücken pulsierte. „Da werde ich sicher nicht hingehen. Und ich gehe auch nie wieder zu meinen scheiß Verwandten zurück. Die können mich mal!" Er trat aus dem Schatten hervor und schrie es in den grauen Himmel über Surrey hinein: „Hört ihr mich, ihr scheiß Dursleys? Ihr könnt mich mal!"
Der Schrei verhallte im Regen. Harry atmete tief durch und wandte sich wieder an seinen Freund. „Lass uns irgendwo hingehen, wo man mich nicht findet. Ich bin klatschnass und brauche trockene Sachen." Die Gruppe nickte. Sie verließen die öffentlichen Straßen und schlugen sich durch Hinterhöfe und über Zäune durch, bis sie ein verlassenes, halb verfallenes Haus am Stadtrand erreichten – ihr Revier, in dem sie lebten und vor der Welt sicher waren.
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Zurück im Schulleiterbüro herrschte eine bedrückende Stille. Dumbledore war zutiefst besorgt; er trat ans Fenster und blickte hinaus auf den dunklen Verbotenen Wald, während Snape wie ein Raubtier auf und ab schritt. Seine nassen Stiefel knirschten bei jedem Schritt auf dem Boden.
Dumbledore ergriff als Erster das Wort. „Severus, dieser Junge ist etwas Besonderes. Er muss gefunden und in Sicherheit gebracht werden. Bitte, Severus, suche ihn erneut – und wenn du ihn gefunden hast, bringe ihn hierher."
Snape hatte geglaubt, es wäre ein Leichtes, das Balg wieder einzusammeln. Er hatte eingewilligt und sich auf den Weg gemacht, doch er hatte nicht damit gerechnet, dass es diesmal nicht so einfach sein würde.
Mittlerweile waren zwei Tage vergangen. Zwei Tage, in denen Snape die Gassen von Surrey vergeblich durchkämmt hatte. Als er nun wieder das Büro betrat, saß Dumbledore gedankenverloren an seinem Schreibtisch.
„Das Ministerium verliert die Geduld, Severus", sagte Dumbledore leise, ohne hochzuschauen. „Es kamen Berichte über eine Bande Jugendlicher auf, die nachts die Umgebung unsicher machen. Es ist nicht mehr nur einfaches Herumtreiben. Es gab Einbrüche, es wurden Fensterscheiben eingeschlagen und Passanten in dunklen Gassen beraubt."
Dumbledore hob nun den Blick und sah Snape ernst an. „Augenzeugen berichten von einem auffallend kleinen Jungen, der sich dieser Gruppe angeschlossen hat – ein Junge mit einer blitzförmigen Narbe auf der Stirn. Das lässt keinen Zweifel mehr offen, Severus. Das ist unser Harry Potter. Das Ministerium droht damit, die Auroren-Zentrale einzuschalten. Wenn sie ihn vor uns finden und er in diese Verbrechen verstrickt ist, wird er in eine staatliche Einrichtung für schwierige Fälle gesteckt, in der wir keinerlei Zugriff mehr auf ihn haben. Er wird für unsere Welt verloren sein."
Snape, der gerade die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, blieb stehen. Er war übermüdet, seine Kleidung roch nach Regen und abgestandenem Straßenschmutz. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse der Abscheu. „Und das soll mich inwiefern betreffen, Albus? Der Junge ist ein unverbesserlicher Hitzkopf, der sich nun offensichtlich mit dem Abschaum der Muggelwelt umgibt. Er wird zurückkommen, wenn sein Hunger stärker wird als sein lächerlicher Trotz – oder wenn ihn die erste Arrestzelle eines Muggelgefängnisses zur Vernunft bringt."
„Ich wünschte, das wäre der Fall, Severus, aber er ist ungeschützt. Er ist allein, er ist gefährdet. Er muss gefunden werden. Ich weiß, das ist eine Zumutung, aber ich brauche jemanden, der in den Schatten agieren kann, ohne Aufsehen zu erregen. Ich brauche deine Verschwiegenheit und dein entschlossenes Vorgehen. Du musst ihn suchen." Snape schnaubte. „Ich habe ihn zwei Tage lang gesucht. Er versteckt sich gut. Aber schön – wenn du willst, dass ich dieses Problem löse, dann werde ich es tun. Und was passiert, wenn ich ihn gefunden habe? Soll er zu den Muggeln zurück und das Spiel geht wieder von vorne los?"
Dumbledores Blick wurde nachdenklich. „Nein. Ich bin der Meinung, dass Harry bei dir am besten aufgehoben wäre, Severus. Bis die Schule beginnt. Nirgends ist er sicherer als unter deinem Dach."
Snape stieß einen wütenden Laut aus; die Nachricht traf ihn wie ein Schlag. „Das kannst du nicht ernst meinen!", zischte er. „Ich soll Babysitter für den verwöhnten Potter-Bengel spielen? Ich habe ein Labor zu leiten! Ich habe Wichtigeres zu tun, als die Fehler anderer auszubügeln!"
Eine heftige Diskussion entbrannte zwischen den beiden Männern, ihre Stimmen hallten von den steinernen Wänden wider. Schließlich gab Snape mit einem knurrenden Geräusch nach.
„Gut" sagte er resigniert. „Ich nehme ihn auf. Aber nur unter einer Bedingung, Albus: Wenn dieser Junge in mein Haus kommt, habe ich freie Hand mit ihm. Ich werde ihn nach meinem Ermessen erziehen und disziplinieren, genau wie meine Slytherins."
Snape sah Dumbledore eiskalt an, um seine Forderung zu unterstreichen. „Es gibt keinerlei Einmischung. Weder von dir noch von Minerva, noch von sonst jemandem. Sonst weigere ich mich. Ich werde ihn notfalls in mein Haus sperren, bis er gelernt hat, was Gehorsam bedeutet. Du weißt genau, dass ich keine Zimperlichkeiten dulde. Wenn er unter meinem Dach lebt, gelten meine Regeln. Ich will keine Klagen von dir hören, wenn ich ihm diese Straßen-Manieren austreibe. Ist das klar?"
Dumbledore nickte mit einem leichten Lächeln. „Das ist verständlich, Severus. Ich gebe dir mein Wort: Du hast freie Hand. Aber ich vertraue darauf, dass du Harry fair behandelst. Was dieser Junge jetzt braucht, ist mehr als nur ein Aufseher. Er braucht einen Vater – jemanden, der ihm Vertrauen, Führung und eine echte Erziehung schenkt. Dieser Schutz ist das Wichtigste für ihn."
Snape verzog das Gesicht und erwiderte kalt: „Erwarte kein Lächeln von mir." Er drehte sich um, sein Umhang wirbelte erneut auf, und er verließ den Raum, um seine Jagd endgültig zu beenden.
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Während Snape, von Verärgerung und Zorn angetrieben, die Muggelwelt nach seinem Erzfeind durchkämmte, verschwammen für Harry die nächsten vier Tage zu einer einzigen, bitteren Lektion im Überleben. Jede erfolglose Suchminute, jede falsche Spur in den finsteren Gassen ließ Snapes Zorn weiter anschwellen. Harry hingegen lief mit der Clique durch Straßen, die er nie zuvor gesehen hatte, immer auf der Suche nach Essbarem und einem Winkel, der wenigstens das Versprechen von Sicherheit bot.
Nachts schlief er mit dem Rücken gegen kalte Mauern. Jede Bewegung erinnerte ihn an Vernons Gürtel, doch sein Trotz hielt ihn auf den Beinen. Er zitterte nicht wegen der Kälte, sondern vor einer ständigen, bohrenden Angst, gefunden zu werden. Am vierten Abend zog ihm der Hunger den Magen zusammen, dass er die Beherrschung verlor. Obwohl er genügend gestohlene Pfund-Scheine tief in seiner Tasche vergraben hatte, dachte er nicht daran, sie zu benutzen. Er wollte das Geld behalten – und er wollte den Rausch.
Er huschte in einen kleinen Lebensmittelladen, während der Besitzer abgelenkt war. Das Adrenalin schoss ihm in den Kopf und übertönte für einen Moment die Müdigkeit. Er griff nicht einfach nach einem Brötchen; er genoss das gefährliche Prickeln, das Verbotene zu tun. Hastig packte er ein Brötchen. Seine Nerven versagten fast – er stolperte, entkam aber knapp, als die Glocke über der Tür hinter ihm schrillte. Das Adrenalin übertönte für einen Moment die Müdigkeit.
Sein Herz hämmerte wieder gegen die Rippen, als er blindlings in eine dunkle Gasse hinter dem Laden rannte, das gestohlene Brötchen fest an sich gedrückt. Es war ein triumphales Gefühl, sich etwas genommen zu haben, ohne zu fragen. Dort traf er seine Freunde wieder, die während seines Diebstahls ebenfalls auf Beutezug gewesen waren.
„Hey, Kleiner, da bist du ja wieder. Komm her", rief einer und winkte ihn heran. Harry schaute sich vorsichtig um, bevor er sich zu ihnen setzte. Die Jungs waren laut und feierten ihre eigene Party. Wie selbstverständlich nahm Harry eine Zigarette und eine Dose Bier an. Er zog routiniert an der Zigarette – der vertraute, bittere Rauch füllte seine Lunge, ohne dass er die Miene verzog. Er genoss das leichte Schwindelgefühl vom Alkohol, das er schon so oft gespürt hatte, und wirkte dabei völlig abgeklärt. Dann trank er noch einen großen Schluck Bier, um den trockenen Nachgeschmack der Straße herunterzuspülen. Als der Anführer grinsend einen Joint hervorholte und fragte: „Willst du auch nochmal?", streckte Harry die Hand aus.
In diesem Moment, als Harrys Finger sich bereits nach dem Joint krümmten, spürte er die plötzliche Kälte. Eine schwarze Gestalt schob sich lautlos durch die Schatten am Ende der Gasse. Snape war am Ende seiner Geduld. Er hatte alles beobachtet. Doch als er sah, wie Potter nun auch noch nach den Drogen griff, war es bei ihm endgültig vorbei. Eine Welle aus Zorn und Abscheu überrollte ihn.
Seine schlimmsten Vorahnungen waren nicht nur bestätigt, sondern weit übertroffen worden. „Potter, du kannst was erleben", flüsterte er hasserfüllt in sich hinein, während seine Hand sich fest um seinen Zauberstab schloss. Er trat aus dem Schatten. Seine Gestalt schien das Licht der Straßenlaternen förmlich aufzusaugen
Die Jugendlichen erstarrten. „Hey Bruder, alter, der Typ ist wieder da!", schrie der Älteste. Panik brach aus. Mit einem Mal ließen sie Harry im Stich und flüchteten kreuz und quer aus der Gasse. Sie waren verschwunden, bevor Harry auch nur blinzeln konnte.
Snape ignorierte die Flüchtigen und fixierte nur Harry. „Und was, glaubst du, tust du hier, Mr. Potter?", schnitt seine Stimme wie ein messerscharfes Flüstern durch die Nacht. Harrys Müdigkeit war sofort purer Panik gewichen. Er wirbelte herum. „Was wollen Sie schon wieder? Ich habe nichts getan!"
„Nichts?", wiederholte Snape eiskalt. „Ich habe gesehen, wie du gestohlen, geraucht und getrunken hast. Und ich habe gesehen, was du gerade annehmen wolltest!" Harrys Trotz flammte auf. „Ja und? Was geht Sie das an, was ich trinke oder rauche?!"
Wütend riss Snape ihm die Zigarette und die Dose aus der Hand. Er hielt Harry die glimmende Zigarette direkt vors Gesicht. „Ich will nie wieder sehen, dass du so etwas anrührst, Mr. Potter", zischte er im drohenden Ton. „Wenn doch, wirst du dich vor mir persönlich rechtfertigen müssen. Und dieses Gesöff", er schüttelte verächtlich die Bierdose, „ist ungesund, besonders für einen Zehnjährigen."
Snape zertrat die Zigarette mit seinem Stiefelabsatz zu einem grauen Fleck und beförderte die Dose in einen nahen Müllcontainer. „Dumbledore wird nicht erfreut sein zu hören, dass der berühmte Mr. Potter die Straßen unsicher macht." Harry erstarrte. Wer war dieser Mann, der seine Vergehen so selbstverständlich aufzählte? Und wer zum Teufel war dieser Dumbledore? Eine neue, heiße Wut mischte sich in seine Panik.
„Wer zum Teufel sind Sie überhaupt?!", knurrte er lauter, während seine Stimme vor Anspannung zitterte. „Und wer ist dieser Dumbledore? Wenn die Dursleys Sie wieder geschickt haben, dann verpissen Sie sich! Ich gehe nicht zurück zu denen!"
Harrys Herz hämmerte so fest gegen seine Rippen, dass es wehtat. Die Erwähnung dieses unbekannten Namens und die drohende Rückkehr zu den Dursleys waren zu viel. In einem verzweifelten Impuls schrie er auf und versuchte, blindlings davonzulaufen.
Doch Snape reagierte blitzschnell. Bevor Harry auch nur einen einzigen Schritt machen konnte, packte Snape ihn am Oberarm und riss ihn mit einem einzigen, festen Zug zurück, als wäre Harry nicht schwerer als eine Stoffpuppe. Harry keuchte gepresst auf, als der Ruck seine verletzte Rückenpartie dehnte.
„Mein Name", sagte Snape in einem langsamen, leisen und gefährlich kontrollierten Ton, „ist Professor Severus Snape. Und du wirst mich gefälligst mit Professor Snape oder Sir ansprechen."
Sein Griff verstärkte sich unnachgiebig. „Und ich werde mich nicht, wie du es so primitiv ausdrückst, verpissen. Ich wurde geschickt, um dich zu suchen und mich um dich zu kümmern. Und genau das werde ich tun."
Harry zappelte, trat und schrie vor Wut und Verzweiflung. Doch gegen Snape hatte er keine Chance. Der Zauberer war viel zu stark; er hielt den Jungen von hinten in einem unnachgiebigen Klammergriff fest, bis Harry, völlig außer Atem und erschöpft, schließlich aufgab und aufhörte, sich zu wehren. Er hing schwer in Snapes Armen, sein Rücken pulsierte in heftigen Wellen, das einzige Geräusch war sein keuchender Atem.
Snape beugte sich vor, seine Stimme war ein zischendes Flüstern direkt an Harrys Ohr, das keine Widerrede zuließ: „Noch ein Tritt, Potter, und du wirst die Konsequenzen nicht mögen."
Harry funkelte ihn an. Purer Trotz brannte in seinen Augen. Seine Lungen brannten, seine Glieder schmerzten von den Tagen auf der Straße. Doch obwohl er am Ende seiner Kräfte war, sammelte er seine letzte Energie, hob das Bein und trat erneut nach hinten. Sein Absatz traf Snape hart am Schienbein – ein letzter, verzweifelter Akt des Widerstands.
Doch er kam nicht weit. Snape zögerte keine Sekunde. In der nächsten Sekunde spürte Harry einen harten, präzisen Schlag auf seinen Hintern. Kein leichter Klaps, sondern eine sofortige, einschneidende Bestrafung. Harry keuchte auf, seine restliche Kraft wich aus ihm.
„Ich habe dich gewarnt", erklärte Snape mit gleichgültiger Kälte. Harry schnaufte, seine Wut erstickt von der Intensität der Konsequenz. Er rührte sich nicht mehr, starrte Snape aber fassungslos an. Snape ließ ihn abrupt los und baute sich vor ihm auf. „Du stehst von nun an unter meiner Aufsicht", erklärte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Da du dich weigerst, zu den Dursleys zurückzukehren – und jene Leute nach deinem Verschwinden ohnehin kaum den Eindruck erweckten, als würden sie dich jemals wieder unter ihrem Dach willkommen heißen –, wurde beschlossen, dass du vorerst bei mir leben wirst. Ich werde nicht zulassen, dass du dich wie ein gewöhnlicher Krimineller in den Gossen dieser Stadt herumtreibst."
Er legte Harry eine Hand fest in den Nacken und schob ihn vor sich her. „Keine weiteren kindischen Eskapaden mehr, Potter. Verstanden?"
„Ich gehe nirgendwohin mit Ihnen!", rief Harry heiser. „Ich kenne Sie nicht mal! Woher soll ich wissen, dass Sie nicht irgendein Irrer sind? Vielleicht haben die Dursleys Sie bezahlt, damit Sie mich im Wald verscharren!"
Snape wollte Harry bereits am Arm weiterschieben, doch der Junge riss sich mit letzter Kraft los und stolperte ein paar Schritte zurück. Er hielt sich die schmerzende Stelle am Hintern, doch sein Blick war voller Misstrauen.
Snape blieb stehen. Er wirkte nicht wütend, sondern eher unendlich genervt, als wäre diese Diskussion eine reine Zeitverschwendung. „Deine blühende Fantasie in allen Ehren, Potter, aber ich habe wahrlich Besseres zu tun, als Mörder zu spielen. Ich bin Professor an der Schule, die du ab September besuchen wirst. Und ob du mich kennst oder nicht, ist irrelevant – ich bin die einzige Alternative zu der staatlichen Besserungsanstalt, in die dich die Polizei morgen stecken würde."
„Lüge!", schrie Harry. „Die Bullen suchen mich gar nicht!"
Snape zog langsam einen zusammengefalteten Zettel aus seinem Umhang – es war eine Kopie der Vermisstenanzeige der Muggelpolizei mit Harrys Gesicht darauf. „Glaubst du das hier auch? Sie suchen einen ‚gefährdeten Ausreißer'. Wenn ich dich hier stehen lasse, bist du in einer Stunde in Handschellen. Entweder du kommst jetzt mit mir und hast ein Dach über dem Kopf, oder wir warten jetzt hier das sie dich mitnehmen. Deine Entscheidung, Potter. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit."
„Und ich muss wirklich nicht zurück zu den Dursleys?", fragte Harry mit brüchiger Stimme.
„Ich habe kein Interesse daran, meine Zeit damit zu verschwenden, dich ständig wieder zum Ligusterweg zu bringen", erwiderte Snape trocken. „Du kommst mit mir. Das ist das einzige Angebot, das du bekommst."
Harry ballte die Fäuste, bis seine Knöchel weiß wurden. Er sah Snape hasserfüllt an, doch dann senkte er den Kopf. „Na gut", presste er hervor. „Aber fassen Sie mich nicht mehr so an." „Dann beweg deine Füße, bevor ich es mir anders überlege", gab Snape zurück. Snape signalisierte ihm mit einer herben Geste, ihm zu folgen.
