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Touch me (Like you mean it)

Summary:

Die Nächte mit Milan waren…Ablenkung. Kurze Augenblicke, in denen sie ihre Einsamkeit mit dem Atem eines anderen neben ihrem in Schach hielt. Aber das hier war so anders, so viel inniger, und sie fühlte sich plötzlich so klein und verwundbar, dass die Tränen einfach zu fließen begannen.

Chapter 1: Nicht ohne dich

Chapter Text

Prompt: It was strange to touch each other without one of them dying, but maybe touch was also something for the living

 

Selbstverständlich hatten sie sich schon oft berührt. Unzählige Male, um genau zu sein. Es war schlichtweg unmöglich, fünfunddreißig Jahre lang nebeneinander zu arbeiten und sich dabei nicht zu berühren.

Da gab es die zufälligen Berührungen; das sanfte Aneinanderstoßen der Hände, wenn man nebeneinander auf dem Weg zu einem Tatort einherschritt, ein leichtes Streifen, wenn Franz sich zum Drucker schob, der hinter Ivos Sessel stand, ein zartes Stupsen der Fingerkuppen, wenn einer dem anderen einen Kaffeebecher reichte. Zufällige, vertraute Momente, und das so viele davon, dass weder Ivo noch Franz sie noch zählen konnten.

Die absichtlichen Berührungen blieben da schon eher im Gedächtnis. Ivo, der den am Boden liegenden Franz umarmte, direkt neben Peschens Leiche. Franz‘ Hände an Ivos Schultern, während er ihm fest in die Augen sah. Wir sind die Guten, Ivo. Die festen, sicheren und zugleich behutsamen Handgriffe, wenn sie sich gegenseitig halfen und verarzteten.

Wir schulden uns nichts, hatte Franz gesagt, und in Ivos Brust hatte ein schmerzhaftes Stechen eingesetzt. Nach so vielen Jahren sollte es das einfach so gewesen sein? Man trennte sich auf dem Präsidiumsparkplatz, nach einer halbherzigen Umarmung über Umzugskartons und vertrockneten Schreibtischpflanzen?

Kannst du dir jemals vorstellen, von hier wegzugeh’n?

Nicht ohne dich.

Dich wird‘ ich nie mehr los.

Den ganzen Weg nach Kroatien hegte und pflegte Ivo den Groll, der in seiner Brust brodelte. Konnte der feine Herr Leitmayr denn nicht einmal diese verdammten Mauern um sich einreißen, oder ihm zumindest einen kleinen Spalt öffnen? Das war doch wirklich nicht zu viel verlangt.

Als Ivo bereits das Meer glitzern sah, fuhr er rechts ran und stellte den Motor aus. Er sehnte sich plötzlich so sehr nach einem tiefen Atemzug Meeresbrise, dass er es keine Sekunde länger aushielt. Ein grasiger Weg führte ein Stück nach unten in eine kleine Bucht, und als ihm der Wind in die Nase fuhr, fühlte Ivo sich fast wie früher als Kind. Vor ihm lag das Meer und eine endlose Freiheit; er konnte alles machen, was er wollte. Eine Band gründen und endlich wieder mehr singen? Das Haus seiner Tanten fertig renovieren? Eine Frau suchen und – erneut stach es in Ivos Herz, und über ihm schrie eine Möwe.

Vor ihm breitete sich die Freiheit aus, und doch konnte Ivo nur an diesen Moment denken, in dem Franz gesagt hatte Das ist dann halt einfach vorbei. Der Schmerz in seinen Augen war dabei nicht zu übersehen gewesen, aber ausgesprochen hatte er ihn nicht. Allerdings, so gestand sich Ivo jetzt ein, hatte er selbst ebenfalls nichts gesagt. Wahrscheinlich war Franz nicht der Einzige mit Schutzmauern um sich herum. Sture Hunde waren sie sowieso alle beide.

Jebote. Ivo seufzte innerlich. Warum war das alles so schwierig? Warum schafften sie es nicht, das Offensichtliche zwischen ihnen anzusprechen? Nein, lieber schob der eine den anderen weg. Jeder versuchte, sich vor Schmerz zu schützen und tat sich damit erst recht weh. Und anstatt damit abzuschließen und seine neu gewonnene Freiheit zu nutzen, stand Ivo hier am Strand und dachte an Franz.

Und vermisste ihn.

Scheiße, er vermisste ihn sogar sehr. Die kleinen Selbstverständlichkeiten, dass sie wussten, wie der jeweils andere seinen Kaffee mochte, die Kabbeleien und das eine oder andere Feierabendbier… Ivo stieß einen kräftigen Fluch aus. Er vermisste, dass Franz einfach nur bei ihm war. Hatte er ernsthaft den ganzen Weg fahren müssen, um zu verstehen, dass er wieder umkehren musste?

O O O

Franz wusch sich die Ölschmiere von den Fingern und musterte anschließend stirnrunzelnd den Inhalt seines Kühlschranks. Besonders viel gab er nicht her, aber im Gefrierfach fand er noch Pljeskavica. Ivo hatte vor ein paar Wochen zu viel für sich gemacht und Franz wie selbstverständlich ein paar zum Einfrieren vorbeigebracht.

Kaum griff Franz nach dem Päckchen, merkte er zu seiner Bestürzung, wie seine Kehle eng wurde und seine Augen zu brennen begannen. Scheiße! Unwirsch wischte er sich über das Gesicht und pfefferte das Essen wieder ins Eisfach. Ein Bier musste dann eben reichen. Tagsüber schaffte er es ganz gut, sich nur mit dem roten Blitz zu beschäftigen, aber am Abend wurde er sich jeden Tag mehr der Tatsache bewusst, dass Ivo jetzt sein eigenes Ding machte. Dass es keine Observationen, Feierabendwürstelstandbesuche und gemeinsame Kochabende mehr gab.

Wütend auf sich selber stapfte Franz ins Wohnzimmer und wollte gerade eine Platte auflegen - Hendrix war der Einzige, der diesen Abend noch retten konnte - als es an der Tür klingelte. Wenn das jetzt wieder Frau Hansen war, die Nachbarin, die es nicht lassen konnte um ihn herumzuscharwenzeln, dann –

„Ivo!“ Franz blieb der Mund offenstehen. „Ich dachte, du bist in Kroatien!“

„War ich auch“, schnaufte Ivo. Er musste die Treppen heraufgerannt sein. „Aber dann hab‘ ich was verstanden.“ Ohne Umschweife drängte er sich an Franz vorbei in dessen Wohnung. Franz schloss die Tür und verstand erst mal gar nichts mehr, auch wenn sein Herz vor lauter Freude schneller schlug. Verdutzt folgte er Ivo ins Wohnzimmer. „Was hast denn?“

Ivo sah ihn einen Moment lang nachdenklich an, dann trat er näher zu Franz und – umarmte ihn.

Oh Gott.

Es war nur eine Umarmung; ihre Herzschläge nah beieinander, Ivos Hände fest und sicher auf Franz‘ Rücken und dessen Hände wiederum um Ivos Taille, ganz automatisch waren sie dorthin gewandert. Und trotzdem war es so viel mehr. Keiner von ihnen war in Lebensgefahr, keiner war verletzt oder musste sich vom anderen verabschieden, und in ihrer völligen Schlichtheit war dieser Körperkontakt alles, wonach sie sich gesehnt hatten.

Franz merkte, wie er unwillkürlich Ivos Duft einsog: ein bisschen Waschmittel, Salz, und ganz viel Ivo; ein Geruch, der ihm so vertraut war wie sein eigener. Er roch nach zuhause. Nach Angekommensein.

Und Ivo merkte, wie er innerlich ganz ruhig wurde. Die Rastlosigkeit, die er seit Tagen verspürt hatte, war verschwunden. „Mein Gott, was sind wir bloß für Deppen“, murmelte Franz plötzlich an Ivos Halsbeuge.

„Wer hat denn behauptetwir schulden uns nichts?“, entgegnete Ivo sanft. „Hab‘ gedacht, du willst mich loswerden.“

„Und ich hab‘ gedacht, du willst mich nimmer und kannst es eh gar nicht abwarten, dein neues Leben in Kroatien zu genießen.“ Franz schaffte es, gleichzeitig zerknirscht und treuherzig auszusehen. Noch immer ließen sie sich nicht los, lösten sich nur gerade genug voneinander, um sich in die Augen sehen zu können.

„Wie soll ich denn das Leben genießen – ohne dich?“, fragte Ivo.

Franz blinzelte ein paar Mal, seine Augen waren feucht geworden. „Vielleicht könn’mer ja zusammen nach Kroatien fahren. Wenn ein paar Tage Geduld hast, dann wär‘ der rote Blitz fertig.“

Ivo musste lächeln. „Das klingt schön.“ Als er Franz das nächste Mal an sich zog, endete die Umarmung endlich in dem Kuss, den sie viel zu lange aufgeschoben hatten.