Chapter Text
Die Gegenwart, Mayfair, London, England
Die Nacht war mondlos und dunkel. Regentropfen prasselten ohne Unterlass an die großen Fensterscheiben von Crowleys Penthouse Wohnung. Er lag auf seinem Bett und starrte an eine Decke, von der er zwar wusste, dass sie da war, er sie aber trotzdem nicht sehen konnte. Völlige Schwärze umgab ihn. Er lauschte seinem eigenen Atem, der sich nur langsam beruhigte. Er fühlte, wie der schweißnasse Seidenpyjama an ihm klebte.
Es war wieder einer dieser Träume gewesen. Seit er aus der Vergangenheit zurückgekehrt war, quälten sie ihn. Er hatte sich eigentlich vorgenommen, mindestens zwanzig Jahre zu schlafen und hoffte anschließend über das Erlebte hinweggekommen zu sein. Aber seine Träume hatten andere Pläne für ihn. Seit nunmehr drei Wochen war er fast jede Nacht mit rasendem Herzen aus ihnen erwacht. Die Bilder von der Folter, die er durch Beelzebub und Hastur erfahren hatte und Agnes Nutters’ Tod durch ihr Verbrechen, verfolgten ihn. Er träumte auch davon, wie Anathema, als Agnes, Jahre später auf dem Scheiterhaufen umkam. Und da war noch etwas. Etwas, was viel tiefer ging. Seine Tochter Virtue; sie rief nach ihm. Sie verstand nicht, warum er sie verlassen musste und sie ihn vergessen hatte. Er hatte sie hintergangen. Ihr die Erinnerung an ihn genommen. Das Band, das sie verband, von einem Augenblick auf den anderen durchschnitten. So dachte er zumindest. In seinen Träumen war sie präsent, als würde sie vor ihm stehen, mit dem Finger auf ihn zeigen und ihn einen Verräter nennen. Sie war noch ein Baby, als er sie verließ. Er wusste nur von den wenigen Zeichnungen, die er von ihr besaß, wie sie im Laufe ihres Lebens ausgesehen hatte. Sie kannte ihn nicht, und er kannte sie im Grunde nicht. Und doch sah er sie als junge Frau deutlich vor sich. Als würde er sich an sie erinnern, wie an jemanden, den er persönlich kannte. Sie war frustriert und enttäuscht und er hatte Schuldgefühle. Er sah auch vage Schemen von einem jungen Mann, den er aber nicht kannte, der aber nicht minder präsent in seinen Träumen war wie seine Tochter. Es ergab alles absolut keinen Sinn.
Crowley tastete nach dem Lichtschalter der Nachttischlampe und knipste sie an. Er schlug die Bettdecke beiseite, schwang die Beine über den Rand seines Bettes und setzte sich auf. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und durch die Haare. Er holte die Zeichnung, die ihn als Raphael mit Agnes und Baby Virtue darstellte, aus der Nachttischschublade hervor. Ein Vorgang, der sich fast jede Nacht wiederholte. Er betrachtete das Bild eine Weile. Dann seufzte er und legte es wieder weg. Diesmal konnte er wenigstens seine Tränen zurückhalten.
Er musste etwas tun. Es konnte nicht so weitergehen. Wieder überlegte er, ob er Aziraphale von seinen Träumen erzählen sollte. Er wollte seinen Engel eigentlich nicht damit belasten. Die ganze Sache insgesamt in Vergessenheit geraten lassen, wenn das überhaupt möglich war. Er war sich sicher, dass Aziraphale genug damit zu tun hatte, damit klarzukommen, dass Crowley ihn, ohne es zu wissen oder zu wollen, im Grunde ebenfalls betrogen hatte. Außerdem hatte er, die unwürdige Kreatur, die er war, Aziraphale einfach ungefragt geküsst und den Engel dadurch in Verlegenheit gebracht. Eine unverzeihliche Aktion. Aziraphale war so höflich gewesen und hatte ihn wegen all dem nicht sofort vor die Tür gesetzt, nachdem sie zurückgekehrt waren. Im Gegenteil, obwohl Crowley ihn sicherlich tief verletzt hatte, hielt der Engel immer noch zu ihm. Crowley wollte seine Beziehung zu Aziraphale, von der er annahm, dass sie einen Riss erfahren haben musste, nicht noch weiter strapazieren. Aber es gab niemand anderes, mit dem Crowley darüber reden konnte und er musste es irgendwo loswerden, sonst würde er seinen Verstand verlieren. Dessen war er sich sicher. Er griff zu seinem Handy. Wählte Aziraphales Telefonnummer und legte gleich wieder auf. Er wählte erneut. Es dauerte nicht lange, bis der Engel an das Telefon ging. Er schlief nie.
“Aziraphale, ich bin es, C...” Zu mehr kam er nicht.
“Crowley!” rief Aziraphale am Ende der Leitung. Dann machte er eine Pause, als er bemerkte, dass Crowley ihn mitten in der Nacht anrief und das kein gutes Zeichen war. “Was ist los?” fragte er. “Ist etwas passiert?”
“Nein, ich...können wir reden?” fragte Crowley. “Jetzt?”
“Natürlich,” antwortete Aziraphale. “Ich bin gleich bei Dir.”
